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Wien - Tatra 2008

Galerie von Florin Rutschmann
Kurzbeschrieb der Reise

Reiseberichte und Fotogalerien von der Fahrradtour im Osten Österreichs, Ungarn und der Slowakei.

Angaben zum Fotografen

Florin Rutschmann

Seit Jahren stellt er mit Makro-Objektiv und Kamera den Heuschrecken nach, mit dem Ziel, möglichst alle Arten Europas eines Tages dokumentieren zu können. Neben seiner Tätigkeit bei Orthoptera.ch arbeitet er als Projektleiter im praktischen Naturschutz.

2008.09.11 - Hainburg nach Illmitz - Tagesstrecke: 88 km

Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von der Familie Putz und brechen Richtung Neusiedler See auf. Lange haben wir den Hundsheimer Berg links im Blickfeld. Trotz der guten Beschilderung der Radwege deuten wir hin und wieder einen Pfeil falsch und machen kleinere bis grössere Umwege. Doch da alles eben ist, spielen ein paar Kilometer mehr oder weniger keine Rolle.
In Neusiedl am See biegen wir auf die Ostseite des Neusiedler See-Radwegs ein, der rund um den See herum führt. Alles und jedes trägt hier den See als Marke im Namen, doch von der eigentlichen Wasserfläche ist leidlich wenig zu sehen. Kilometer breite Schilfgürtel verhindern die Sicht und den direkten Zugang zum Wasser.
In Podersdorf befindet sich die einzige Stellen, an der man den See hautnah erleben kann. Dieser Tatsache wird touristisch hoch Rechnung getragen. Der Badeort verfügt über den grössten Campingplatz ganz Österreichs und jede Menge Tourismusangebote. Wir fahren langsam den Steg am Hafen entlang, bis Dominik auf den erneuten Druckabfall seines Hinterreifens aufmerksam wird. Inzwischen sind wir in solchen Fällen routiniert. Innerhalb weniger Minuten ist der Reifen wieder prall. Nur Dominiks Hände sehen aus, als hätte er sämtliche Räder, die um den See unterwegs sind, überarbeitet.
Nach einem grossen Eisbecher geht es weiter entlang dem meist unsichtbaren See. Im Seewinkel in der Hölle legen wir eine Rast ein und bestaunen die Landschaft vom stolzen Aussichtsturm aus. Die Eigenheit dieser Landschaft, in der das Auge auf der Suche nach einer kleinen Erhebung endlos durch die Ebene gleitet, sind die vielen kleinen und grossen Lacken. Es sind dies seichte Gewässer unterschiedlichen Alters und Salzgehalts. Das Salz hat seinen Ursprung in den unterirdischen Glaubersalzlager und gelangt durch die Grundwasserspeisung der Lacken an die Oberfläche. Ein wesentlicher Teil der ursprünglichen Lacken im gesamten Seewinkel ist durch Verlandungsprozesse, die durchaus auch natürlichen Ursprungs sind, Austrocknung und Planierung verschwunden.
Es sind nur noch wenige Kilometer bis an unser Tagesziel, Illmitz. Die erste Pension, die wir ansteuern ist anscheinend bereits voll. Schliesslich finden wir bei Familie Salzl unterschlupf. Die ganze Familie ist beschäftigt, da die Traubenernte eingebrach werden muss. Nicht zuletzt haben sie mit ihrem Muskat-Wein an der Weinolympiade 2005 den zweiten Platz belegt. Allgemein ist der Ort Illmitz international für seine Weine bekannt. Aber nicht nur unter Önologen sondern auch unter Ornithologien ist deise Region für seinen Reichtum bekannt und wird von Interessierte besonders zum Vogelzug im Frühjahr und Herbst aufgesucht.

2008.09.12 - Illmitz - Tagesstrecke: 39 km

Im Morgenlicht suchen wir den Aussichtsturm an der Zicklacke bei Illmitz auf und beobachten die Vögel. Auch die angrenzende Wiese entgeht nicht unser Aufmerksamkeit, denn hier tummeln sich ein paar für uns unbekannte Heuschrecken. Das herbstliche Licht taucht die Landschaft mit der halb ausgetrockneten Lacke und den breiten Ufersäumen in ein bezauberndes Farbenmeer. Rote, gelbe, blaue und grüne Farbtöne vermischen sich und bilden wiederum faszinierenden Formen und Musterungen in der Ebene. Die Idylle wird jäh durch die wenige Meter über dem Boden daher brummenden Propellermaschinen zur Vergämung der Vogelschwärme in den Rebplantagen zerrissen. Diese fliegen periodisch wie Kamikazienflieger über die Felder und treiben die auffliegenden Schwärme von den Kulturen weg.
Unser Tagesprogramm sieht kleinere Ausflüge zwischen der Zicklacke, der Langen Lacke und der Wärtenlacke bei Apetlon vor. Neben den Heuschrecken, die auch hier um diese Jahreszeit nicht mehr in den erwarteten Populationsgrössen anzutreffen sind, gilt das Interesse den Vögeln und der Lacken-Landschaft.

Liste der gesichteten und/oder verhörten Heuschrecken südlich der Zicklacke und der Langen Lacke:
Conocephalus fuscus - Langflüglige Schwertschrecke
Ruspolia nitidula - Grosse Schiefkopfschrecke
Tettigonia viridissima - Grünes Heupferd
Platycleis grisea - Graue Beissschrecke
Gryllus campestris - Feldgrille
Oecanthus pellucens - Weinhähnchen
Tetrix spec. - Dornschrecken (Larven)
Oedipoda caerulescens - Blauflüglige ödlandschrecke
Aiolopus thalassinus - Grüne Sandschrecke
Dociostaurus brevicollis - Südosteuropäischer Grashüpfer
Omocestus haemorrhoidalis - Rotleibiger Grashüpfer
Chorthippus mollis - Vakannter Grashüpfer
Chorthippus brunneus - Brauner Grashüpfer
Chorthippus albomarginatus - Weissrandiger Grashüpfer
Euchorthippus declivus - Dickkopf-Grashüpfer

2008.09.13 - Neusiedler See - Tagesstrecke: 100 km

Am Morgen ist der Himmel zwar weitestgehend wolkenverhangen und ein kalter, strenger Wind bläst uns vorerst perfekt in die Segel. Wir kommen trotz einer Ehrenschlaufe, da wir die Karte auswendig im Kopf zu haben glauben, rasant voran. Bei Pamhagen ist die Grenze nach Ungarn wie ausgestorben, einer kleinen Geisterstadt gleich. Kaum haben wir die Grenze hinter uns, wird der Belag deutlich schlechter, so dass wir einen Gang runter schalten müssen, um die Eingeweide nicht zu stark durchzuschütteln.
Da uns der Wind im Rücken derart voran bringt, verpassen wir das Schoss Esterhásy in Fertöd, das ein absolutes Muss sein soll. Joseph Hyden leitete hier die Aufführungen der hauseigenen Oper und ging mit der bekannten Abschiedssymphonie in die Geschichte ein. Eine Ortschaft weiter führt die Strasse direkt auf eine kleine Anhöhe, die einzige weit und breit, auf der Stolz die Allerheiligen-Kirche von FertÖszéplak thront. Nach einer Besichtigung ändert sich am Südende des Neusiedler Sees langsam unsere Fahrtrichtung, so dass der Wind nunmehr von der Seite bläst und bald in einem "strong headwind" endet. Mühsam kämpfen wir uns gegen Norden vor. Bei Balf entdecken wir etwas abseits der Strasse einen alten Turm, der eine gute Aussicht verspricht. Der Turm, der einst als Grenzwachturm diente, ist leicht lediert aber immer noch frei zugänglich. Die Aussicht ist tatsächlich sehr gut. Von hier oben werden die Dimensionen des Schilfgürtels, der den See säumt, deutlich. Soweit das Auge reicht nur Schilf, irgendwo am Horizont lässt sich eine kleine offene Wasserfläche erahnen und schon schiebt sich der Schilfgürtel des anderen Ufers ins Blickfeld. Im Westen bilden dafür die klein strukturierten Rebberge an den Südhängen des Leithagebirges mit den vorüberziehenden Sonnenflecken und den zarten, frühherbstlichen Farben ein vielfältiges Mosaik.
Da wir nicht zwingend noch ungarisches Geld wechseln möchten, fahren wir zügig Richtung österreichische Grenze, denn es ist Samstag und die Landenöffnungszeiten sind uns nicht bekannt. In Mörbisch quitschen unsere Bremsen vor dem ersten, zweiten und dritten Geschäft. Alles bereits geschlossen - Wochenende. Rust ist ein etwas grösserer Touristenort, da gibt es bestimmt noch was, denken wir, und fahren weiter. Tatsächlich findet sich am Ortseingang von Rust ein grösserer Supermarkt, der auch samstags bis 18:00 Uhr geöffnet hat.
Mit Lebensmitteln eingedeckt fahren wir weiter auf der Suche nach einem Campingplatz. In Purbach werden wir schliesslich auf dem Storchen-Camp fündig. Neben der Möglichkeit zu campieren, gibt es auch so etwas wie eine Jugendherberge. Für knapp 18.- € erhalten wir ein Zimmer mit Frühstück. Wir sind inzwischen ganz schön verwöhnt und haben keine Lust auf kaltfeuchte Schlafsäcke im Zelt. Unsere Unterkunft hat nur ein paar Maken. Die Abluft der Küche scheint direkt ins Dachfenster geleitet zu werden. Es gibt richtig gut bürgerlich, deftige Kost vom triefenden Grill. Dazu ist heute Senioren-Camper-Party mit flotten deutschen Schlager-Beats. Gute Nacht!!

2008.09.14 - Purbach nach Hainburg - Tagesstrecke: 69 km

Der Morgen bringt neue Überraschungen mit sich. Es stinkt in unserem Zimmer grauenhaft nach faulen Eiern. Es sind dies zum Glück nicht die Ausdünstungen der gestrigen Pizza, draussen riecht die frische Luft genauso. Die Quelle konnten wir nicht ausfindig machen. Das Frühstück im Storchen-Camp ist genaustens portioniert und abgewogen.
Unter den neugierigen Blicken des Camp-Personals fahren wir davon in den kalten Wind mit vereinzelten Regentropfen. Bei Winden wollen wir eine Abkürzung nach Bruck nehmen und uns dabei auch noch etwas neben der Route umsehen. Der erste Versuch war nicht ganz vom gewünschten Erfog gekrönt. Wir landeten in den Reben am Fusse des Tannenberges, der allerdings auch sehr vielversprechend aussieht, was die Aussicht und die Heuschrecken anbelangt. Kurzerhand marschieren wir in das Naturschutzgebiet und können den Neusiedler See endlich wieder einmal erblicken. Trotz der Kälte und des ständigen Windes finden wir noch den einen oder anderen etwas lahmen Hüpfer. Vor allem sind es Schwarzfleckige Grashüpfer (Stenobothrus nigromaculatus), die sich in der Wiese finden lassen. Der Lebensraum ist wie auf die gesuchte Saga pedo zugeschnitten, doch gefunden haben wir auch hier keine.
Endlich auf der richtigen Fährte steigen wir schon wieder vom Alu-Pferd und besuchen die Bärenhöhle (Ludl-Loch). Eine kleine und niedere Höhle am Zeilerberg des Leithagebirges. Die 1924 entdeckte Höhle erhielt ihren Namen aufgrund von Knochenfunden des Höhlenbären und der Höhlenhyänen, die das günstige Klima der Höhle vermutlich zur Überwinterung nutzten. Wieder unterwegs erklimmen wir die kleine Anhöhe und möchten auf der Nordseite gemütlich auf Bruck hinunter rollen. Doch daraus wird nichts, der Weg endet abrupt an einem Schlagbalken der Armee. Militärisches Sperrgebiet, das besonders mit dem Fahrrad nicht begangen werden darf. Also umkehren und den Umweg über Neusiedl am See nehmen.
Am Bahnhof von Neusiedl am See heisst es schliesslich Abschied nehmen. Dominik wird von hier wieder nach Hause zurück fahren und wir wollen weiter in die Slowakei Richtung Tatragebirge aufbrechen. Auch wenn wir nicht derart viele Heuschrecken gesehen haben, wie wir uns das ursprünglich erhofft hatten, war es eine super Woche.
Von Neusiedl am See fahren wir nach Rohrau, besichtgen das Schloss und brechen Richtung Hainburg auf, wo wir noch eine Rechung zu begleichen haben. Dominik hatte gestern im Storchen-Camp plötzlich bemerkt, dass er den Schlüssel aus dem Hause der Familie Putz in Hainburg immer noch auf sich trägt. Also fahren wir dort noch einmal vorbei. Glücklicherweise hat Herr Putz auch noch ein Zimmer frei, denn sämtliche Unterkünfte, die wir auf der Strecke angefahrene hatten, waren entweder voll oder hatten bereits geschlossen.

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