Transkarpatien 2007
Kurzbeschrieb der Reise
Wir waren samt Anreise vom 15.07.2007 bis 05.08.2007 unterwegs und legten dabei 1114 Km mit dem Tadem zurück.
Košice (SK) - Uzhorod (UA) - Svaljava (UA) - Ust-Corna (UA) - Chust (UA) - Mukaceve (UA) - Nyirbator (HU) - Hajdúnánás (HU) - Tokaj (HU) - Košice (SK)
Angaben zum Fotografen

Florin Rutschmann
Seit Jahren stellt er mit Makro-Objektiv und Kamera den Heuschrecken nach, mit dem Ziel, möglichst alle Arten Europas eines Tages dokumentieren zu können. Neben seiner Tätigkeit bei Orthoptera.ch arbeitet er als Projektleiter im praktischen Naturschutz.
2007.07.18 - Tagesstrecke: 8.5 km
Nach der gestrigen Fahrt in der noch gewöhnungsbedürftigen Hitze beschliessen wir gleich unseren ersten Ruhetag hier auf dem Zeltplatz einzulegen und geniessen es im Schatten der vielen Birken auszuschlafen. Dann stellt Petra fest, dass sie ihren Bikini in Zürich vergessen hat und wir fahren in die Stadt, um Lebensmittel und einen Bikini zu suchen. Ersteres ist schnell und einfach zu finden. Für den Bikini kurven wir durch die halbe Stadt und Petra durchforstet jeden Laden, dessen Inschrift etwas mit „Textil“ enthält. Doch meistens handelt es sich bei diesen Läden um Sekond-Hand-Shops die entweder Kinderkleidung oder dann Sachen ab Grösse 40 führen. Schliesslich werden wir auf dem Markplatz von Snina fündig.
Das ausgiebige Frühstück macht wieder unternehmungslustig und wir packen die Wasserflaschen, um einen Ausflug in das angrenzende Naturschutzgebiet zu unternehmen. Florin hofft auf Schlagen und schleppt erwartungsvoll seinen Fotorucksack mit. Leider bleibt es trotz intensiver Suche nur bei einer überfahrenen Aspisviper (Vipera aspis) am Wegesrand, lebende Schlangen sehen wir keine. Dafür eine schöne Waldlandschaft mit Bächen.
Zurück auf dem Zeltplatz verbringen wir einen ruhigen Abend mit Lesen und Faulenzen. Erst als wir den Wecker des Handys stellen wollen, wird es hektisch. Das Handy meldet den Eingang einer ganzen handvoll Nachrichten, die uns von besorgten Verwandten geschickt wurden. Es habe ein Zugunglück in der Ukraine bei Lwiw (Lemberg) gegeben, dabei seien 25 Zugwagons mit gelbem Phosphor explodiert. Der ukrainische Vize-Ministerpräsident Alexander Kusmuk sprach von der grössten Umweltkatastrophe seit Tschernobyl (1986), was die Medien gerne adaptieren. Wir rufen zu Hause an und hören lediglich, dass verschieden Dörfer evakuiert wurden und eine Phosphorwolke irgendwo über das Land schwebe. Niemand kann uns mitteilen, wo genau sich der Unfall ereignete und vor allem, wie sich die Giftgaswolke bewegt. Zuerst sind wir ordentlich erschrocken, denn Lemberg befindet sich nur gerade etwa 160 Km Luftlinie von unserem Standort entfernt. Phosphor, Phosphor, und dann auch noch gelber Phosphor. Florin versuche krampfhaft seine Kenntnisse aus der Umweltanalytik zu aktivieren und scheitert kläglich am gelben Phosphor. Was macht der wohl in Verbindung mit Sauerstoff, der brütenden Hitze und der starken Sonneneinstrahlung? Ist der photochemisch reaktiv? Wir haben schlicht keine Ahnung!
Als wir davon erfahren ist es auf dem Campingplatz bereits gespänstisch ruhig, so das wir annehmen; es wird schon nicht so schlimm sein, sonst hätten die Campingnachbarn bestimmt auch davon erfahren. Und der Chef des Platzes scheint auch völlig unbekümmert sein abendliches Bier zu trinken. Leider können wir auch ihn nicht fragen, denn er spricht kein englisch und deutsch versteht er nur ein paar Worte - noch mehr Verwirrung stiften wollen wir nun auch nicht!
So beschliessen wir erst mal die Nacht abzuwarten und morgen das Internet zu durchforsten.
2007.07.19 - Tagesstrecke: 88 km
Der Zeltplatzchef hat auch am Morgen nichts von dem Phosphorunglück gehört, so fahren wir nach Snina, um ein Internetcafe zu suchen. Das finden wir auch, aber es öffnet erst um 11:00 Uhr. Unweit davon treffen wir zwei spanische Radfahrer, mit denen wir uns über die Routen, Erfahrungen und Pläne austauschen. Auch sie wollen in die Ukraine, worauf wir sie auf das Unglück ansprechen. Sie haben zwar etwas im Fernsehen gesehen, wussten jedoch auch nichts genaueres. Also gingen wir zurück zum Hotel in dem die zwei Spanier übernachtet hatten und wollen uns dort informieren. Doch auch die sehr hilfsbereite Dame an der Rezeption weiss nichts von dem Unglück bei Lemberg und selbst ihre Telefonate ergeben nichts Neues. Dafür kann sie uns mit der Einreise in die Ukraine weiter helfen. Nach etlichen Telefonaten mit verschiedenen Grenzen wissen wir immerhin, dass die von uns favorisierte Grenze bei Ubla (SK) seit September 2006 geschlossen ist. Aus technischen Gründen, was auch immer das bedeuten mag. Die grosse Grenze weiter südlich sei zwar geöffnet, sie konnte jedoch nicht ausfindig machen, ob diese auch für uns Radfahrer passierbar ist. Die südlichste der drei Grenzübergänge von der Slowakei in die Ukraine sei ausschliesslich für Fussvolk - auch mit Fahrrädern - gedacht.
Etwas verunsichert verlassen wir Snina und fahren in Richtung Süden auf die ukrainische Grenze zu. Landschaftlich ist diese Strecke eine der schönsten, welche wir in der Slowakei durchkreuzen. Es wird auch wieder mächtig heiss und unser Wasserbedarf ist unvermindert hoch. Zwischendurch bekommen wir etwas Abkühlung durch den Fahrtwind, welcher uns bei Talfahrten mit 50 km/h ins Gesicht bläst.
Trotz der Auskunft an der Rezeption in Snina fahren wir an die Grenze bei Ubla, in der Hoffnung das vielleicht der Übergang mit dem Fahrrad möglich ist. Doch die Strasse vor der Grenze ist eine einzige Baustelle und die Zollbeamten, die sich im Schatten der Grenzgebäude ausruhen, winken schon von weitem, machen uns deutlich, dass die Grenze definitv geschlossen ist. Macht nichts, denken wir, etwas weiter südlich bei Sobrance kommt ja die grosse Grenze, dort kommen wir bestimmt in die Ukraine.
Als wir jedoch bei der freundlichen slowakischen Zollbeamtin vorfahren, lächelt diese nur bedauernd und erklärt uns, dass man lediglich mit einem Motorfahrzeug über diese Grenze darf. Erst sind wir sicher sie scherze, doch dem war leider nicht so. Tatsächlich werden nur Fahrzeuge mit Fahrzeugschein und Versicherungspolice über die Grenze gelassen. Warum, ist keine Frage, auf die man ausser einem müden Lächeln eine rationale Antwort erwarten darf, es ist einfach so, Punkt!
Jetzt wird uns auch klar, wieso ganze Gruppen von Menschen die Strasse vor der Grenze säumen. Sie alle warten auf eine Mitfahrgelegenheit. Wenn ein Auto uns samt Tandem verlädt, könnten wir problemlos rüber, erklärt uns die Zöllnerin. Sie ist auch sehr hilfsbereit und frägt sogleich beim nächsten Vanfahrer nach, der an den Fallbaum heran rollt. Aber ein Tandem mit Anhänger ist halt doch etwas sehr lang für ein Auto. So bleibt uns nichts anderes übrig als noch einmal 55 km zum nächsten Grenzübergang zu fahren.
Dies allerdings nicht mehr heute, da wir erstens müde sind und zweitens die Grenze auch nur bis 18:00 Uhr geöffnet hat.
Wir müssen zurück und nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchen. Die ersten zwei Gebäde, die gross mit "Motorest" angeschrieben sind, erweisen sich als Nieten, da die Betten vermutlich von den Betreibern selbs beansprucht werden. Also müssen wir bis zum letzten grösseren Ort Sobrance zurück fahren, wo wir auch tatsächlich ein Bett für 460 slowakische Kronen (± 14 €) finden.
2007.07.20 - Tagesstrecke: 66 km
Bevor die Sonne richtig losbrennt, was hier bereits ab 9:00 Uhr der Fall ist, kurven wir durch ein kleines Dorf nach dem anderen, eingebettet in einer topfebenen Landschaft. Im Grenzdorf Vel'ké Slemence auf slowakischer Seite suchen wir vergeblich nach einer Beschilderung, die uns nun endlich die richtige Grenze anzeigt. Als wir wieder einmal desorientiert rund um den Dorfplatz kurven und nach der richtigen Strasse Ausschau halten, hält ein rauchender Bus in unmittelbarer Nähe. Sämtliche Leute, die aussteigen, steuern in eine einzige Richtung - hier muss es was gratis geben, denken wir - und fahren auch einmal in die vielversprechende Strasse ein. Und da, plötzlich wird der Zaun und die kleinen Häuschen am Ende der Strasse sichtbar. Endlich die Grenze, zögerlich stellen wir uns an der wartenden Menschenschlange an und bibbern leicht vor der Beamtenwillkür - hoffentlich anerkennen die unser Fahrzeug auch als Fahrrad!
Die Grenze besteht aus einem umgepflügten Streifen „Niemandsland“ mit zwei Zollhäuschen auf jeder Seite und einigem langen stacheldrahtbewehrten Zaun, der in weiter Ferne noch den Horizont zu teilen scheint. Nun werden jeweils 5 bis 10 Personen in diesen Streifen vorgelassen und angewiesen ein Zettelchen mit Personalien, Passnummer und Grund der Einreise auszufüllen. Ausserdem muss vermerkt werden an welcher Adresse man sich in der Ukraine aufzuhalten gedenkt. Wir werden von den Zollbeamten zuvorkommend behandelt, bekommen die Zettel extra ausgehändigt und erklärt. Eiligst bringt ein Beamter eine schöne Tafel mit Plexiglasabdeckung, in der sich verschiedensprachige Bespiele befinden. Auch wir haben inzwischen kapiert, dass wir nur abschreiben müssen, doch ein Beamter bleibt stets in unserer Nähe und beginnt sogleich zu erklären, natürlich auf russisch, sobald wir nur geringste Anzeichen von Unsicherhheit zeigen.
Dann werden wir angewiesen in der Reihe anzustehen, die darauf wartet ihre Zettel samt Pass einem Beamten durch ein kleines Fenster in ein Zollhäuschen zu reichen. Florin kann mal wieder nicht still stehen und wandert etwas in dem Streifen Niemandsland herum, was ihm augenblicklich einen Anpfiff einbringt. Einmal drinnen, ist es anscheinend nicht mehr gestattet, einfach so ein paar Schritte in die andere Richtung zu machen. Der Schweizer Pass von Florin macht dem Beamten im klimatisierten Häuschen Schwierigkeiten, das Lesegerät kann ihn nicht automatisch erkennen. Aber er stösst auch auf reges Interesse der Zöllner, so muss der Beamte sein klimatisiertes Häuschen tatsächlich verlassen und in das Häuschen gegenüber, um sich bei seinem Kollegen, der für die Ausreise verantwortlich ist, über die richtige Eingabe zu informieren. Interssiert blättern alle Beamten mal in dem roten Passe herum und wir bekommen nur hin und wieder das Wort "schweizari" zu Ohren.
Dann geht es wieder zwei Meter vorwärts zur Gepäckkontrolle. Doch schon nachdem die erste Satteltasche mit einem entschlossenen Nicken des Kontrolleurs für "genehmigt" taxiert wurde, lenkt Florin die Aufmerksamkeit auf seine Fotoausrüstung, die er deklarieren möchte, um bei der Ausreise keine Probleme zu bekommen. Die vorbereitete Liste scheint nicht von entsprechender Güte zu sein. Dafür muss er schön säuberlich sämtliche Artikel auf einem speziellen Formular vermerken, wobei die skurilsten Fragen von Interesse sind. Beispielsweise, ob wir Antiquitäten oder Kunstgegenstände mitführen oder aber, ob wir Waffen, Drogen oder radioaktives Material mit im Gepäck haben. Nach einer Viertelsunde ausfüllen wischt sich Florin den Schweiss von der Stirn - geschafft, oder was jetzt? Da wedelt doch tatsächlich der Beamte mit zwei neuen Formularen vor uns herum und deutet darauf hin, dass das Formular zwar richtig ausgefüllt, aber unleserlich sei, und es werde in doppelter Ausführung benötigt, wir wollen schliesslich auch wieder ausreisen. Demütig setzen wir den Kugelschreiber erneut auf dem Formular auf und fühlen uns einige Jahre zurückversetzt, in den Schulunterricht mit Schönschreibübungen. Die Zollhäuschen verfügen dem Anschein nach nur über eine gewaltige Klimaanlage, ein schöne Kopierer, der jedes Büro ziert, fehlt hier offensichtlich.
Zum Glück vergessen die Zöllner vor lauter Formularen, dass sie alles Gepäck kontrollieren wollten und lassen uns endlich in die Ukraine einreisen - zum Glück der anderen Einreisenden, denn die mussten brav warten, bis wir die "Schreibprüfung" absolviert hatten.
Sofort auf den ersten Metern bemerken wir den gravierenden Unterschied der Strassenqualität. Eigentlich hatten wir uns schon in der Slowakei hin und wieder über die Buckelpisten beschwert. Im Vergleich zu den Ukrainischen waren dies jedoch reine Autobahnen, zudem sind die Spuren der Tierhaltung auf den Strassen deutlich zu sehen und zu riechen.
Unser heutiges Ziel heisst Uzhorod (УЖГОРОД), die Hauptstadt der Region Transkarpaten mit 120'000 Einwohnern. Es ist eine der ältesten Städte der Ukraine, erst kürzlich feierte sie ihr 1'100-jähriges Bestehen.
Für teure 190 Hryvnja (± 27 €) kommen wir in einem edlen 3-Sterne-Hotel mit Klimaanlage und Minibaar unter. Die Suche nach einem funktionierenden Geldautomaten, d.h. einer, der das Geld zum Abschuss der Tipperei auch ausspuckt, ist kein leichtes Unterfangen, wie wir noch öfters feststellen werden. Entweder wollen die Automaten uns partout kein Geld geben, haben gerade keines mehr auf Lager oder sie sind gleich ganz ausser Betrieb. Nach einigen gescheiterten Versuchen gibt uns die Privatbank (ПриватБанк) dann doch etwas Geld und wir benötigen erst mal kulinarische Stärkung. Die Frage, wie wir diese bekommen, stellen wir uns dann vor der kyrillischen Speisekarte. Mit vereinten Russischkenntnissen und mehr raten als wissen, bestellen wir und es klappt - zumindest kommt ein lecker duftender Erdbeer-Milchshake.















