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VeloBaltica 2004

Galerie von Florin Rutschmann
Kurzbeschrieb der Reise

David Siegrist und Florin Rutschmann reisen per Nachtzug nach Rostock und per Fähre nach Tallinn, wo sie ihre Fahrradtour durch Estland starten. Auf ihrer Route durch den Lahemaa Nationalpark Richtung Narva erleben sie eine abwechslungsreiche Landschaft, historische Stätten wie die Klosterruine Pirita und das Herrenhaus Sagadi, sowie zahlreiche Abenteuer – darunter ein gebrochener Lenkervorbau, aggressive Wachhunde, Regenschauer und eine Kuhherde. Nach insgesamt rund 438 Kilometern auf teils holprigen Schotterpisten erreichen sie erschöpft, aber zufrieden die Grenzstadt Narva.

Angaben zum Fotografen

Florin Rutschmann

Seit Jahren stellt er mit Makrobjektiv und Kamera den Heuschrecken nach, mit dem Ziel möglichst alle Arten Europas einst dokumentieren zu können. Neben den Tätigkeiten bei Orthoptera.ch arbeitet er als Projektleiter im praktischen Naturschutz.

08.08.2004 - Tagesstrecke: 18 Km

Am 07.08.2004 starten wir abends in Zürich mit dem komfortablen City Night Line Richtung Hamburg.

In Rostock angekommen, müssen wir als Erstes unsere Fahrräder zusammenbauen und fahrtüchtig machen. Im City Night Line hatte es bei der Reservation für die Fahrräder keinen Platz mehr, also haben wir sie zerlegt und in Fahrradtaschen verpackt. Das hat uns bei den Mitreisenden, die für ihr Fahrrad ordentlich bezahlt hatten, nicht gerade Sympathien eingebracht - denn unsere Form des Transports war gratis.

Die sperrigen Transporthüllen verstauen wir in einem Paket und übergaben dies einem Fahrradkurrier in Rostock, der die ganze Sache für 5 € nach Hause schickte.

09.08.2004 - Tagesstrecke: 3 Km

Nach der teuren und engen Kabine an Bord der Fähre von Rostock nach Tallinn, dürfen wir endlich die ersten Meter in die Pedale treten. Zusammen mit Marc-André, den wir auf der Fähre nach Tallinn getroffen haben, beginnt die Suche nach der angeblich einzigen Jugendherberge der Stadt, die nach Ankunft der Fähre regelrecht überrannt wird. Doch die Orientierung in der Stadt gestaltet sich nicht gerade einfach. Die Gassen und Gässchen sind verwinkelt und enden all zu oft in einer Sackgasse.

10.08.2004 - Tagesstrecke: 88 Km

Bei schönstem Wetter brechen wir von Tallinn Richtung Lahemaa Nationalpark, Richtung russische Grenze auf.
Am östlichen Stadtrand entdecken wir die Klosterruine von Pirita. Provokativ ragt der Westgiebel in den tief blauen Himmel. Einst wurde die Klosterkirche 1436 erbaut, wobei in dem Brigittenorden Nonnen und Mönchen zusammen lebten. Natürlich bewohnten die Geschlechter auch hier rämlich getrennte Baulichkeiten. Während der Belagerung von Reval (heute Tallinn) im Livländischen Krieg 1577 wurde die Anlage bis auf die noch heute sichtbaren Grundmauern zerstört. Der Aggressor des auch für damalige Verhältnisse grausamen Krieges war Iwan IV. - auch als der Schreckliche bekannt - der sich durch die Unterwerfung von Livland den Zugang zur Ostsee sichern wollte.

Unterwegs sind Begegnungen mit anderen Radfahrern keine Seltenheit und als Informationsquelle von unschätzbarem Wert. Da es sich bei den Radfahrern oftmals um Leute aus Ostdeutschland handelt, ist die Kommunikation auch kein Problem.
Der Lahemaa Nationalpark bietet eine wunderschöne Kulisse und viel Abwechslung beim Fahren. Nicht nur was die Natur betrifft sondern auch kulturell hat er einiges zu bieten. 1971 wurde das heute 725 Quadratkilometer grosse Areal als erstes Schutzgebiet der riesigen Sowjetunion eingerichtet. Den Namen Lahemaa rahvuspark verdankt der Nationalpark der von unzähligen Buchten und Landzugen gegliederten Küste. Lahemaa bedeutet auf estisch das Land der Buchten.
An einer dieser Landzungen, die oft über eine schotterig-schlammige Naturstrasse erschlossen sind, finden wir einen bezaubernden Platz direkt am Strand. Während die Sonne einmal mehr im Meer versinkt, stillen wir unseren Hunger mit angebratenen Spaghettis vom Vortag.

Am Kap von Juminda stellen wir unser Hilleberg direkt neben das Denkmal, welches an die gesunkenen 66 Kriegsschiffe von 1941 erinnert. Die riesigen eisernen Kugeln entlang der Küste symbolisieren die Schiffsmienen, die zum Untergang der Flotten führten.

11.08.2004 - Tagesstrecke: 73 Km

Der folgende Tag meint es nicht so freundlich mit uns. Schon nach wenigen Metern auf der holprigen Schotterpiste, knackt etwas an meinem Fahrrad. Das unbekannte Geräusch lässt mich sofort aufhorchen, doch es schien alles in bester Ordnung - bis zum nächsten Schlagloch. Das Vorderrad dreht ab und meine Steuerbewegungen verlaufen ins Leere, so dass der Sturz unausweichlich vorprogrammiert ist. Da hilft nur noch ein intuitiv, aber uneleganter Sprung über den Lenker hinweg.
Die Klemmhalterung des Lenkervorbaus ist der Materialermüdung erlegen und abgebrochen. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen den Lenker mit Seilen zu fixieren, kommen wir auf die gloorreiche Idee mit einem 6-Kantschlüssel eine formfeste Verbindung zu basteln. Nach einigem Feilen ist die Kostruktion beisammen und funktioniert ausgezeichnet auf den nächsten paar 100 Km, bis wir wieder zurück in Tallinn sind.

Von Zeit zu Zeit holen uns kleine Regenschauer ein, die aber nach wenigen Minuten durch strahlend blauen Himmel abgelösst werden. Am abend auf dem Campingplatz bei Käsmu verfolgen wir einen der schönsten Sonnenuntergänge auf dieser Reise, der an Farbintensität kaum zu überbieten ist.

12.08.2004 - Tagesstrecke: 70 Km

Eine windige Nacht liegt hinter uns, in der uns auch im Palace-Hilleberg nicht immer ganz wohlig war. Der Campingplatz lag mitten im Wald und die Bäume rund herum ächzten zu den Windböen. Der Morgen ist frisch und der Himmel wolkenübersäät. Wir bezahlten die 50 estnischen Kronen (± 3 €) für beide Personen und machen uns davon. Gegen Mittag erreichen wir das Herrenhaus Sagadi, das die stolze Kulisse für ein Forstmuseum bildet. Von diesen Herrenhäusern sollen in vergangenen Zeiten 1300 in ganz Estland existiert haben. Viele der Gutshäuser waren im Besitz adliger baltendeutscher, die lange über die Leibeigenschaft verfügten. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte der sogenannt "freie Bauer", wie er unter einer Lockerung der Schollenpflicht, der Leibeigenschaft und dem stark eingeschränkten Recht auf Eigentum genannt wurde, unter keinen Umständen ohne Pflichten gegenüber seinem Gutsherrn wirtschaften.

Die russische Revolution von 1905 äusserte sich im Baltikum erst in Streiks durch die Industriearbeiter, breitete sich aber rasch auf das Land aus, wo sich die Wut der Landlosen entlud. Gutshäuser wurden gestürmt, die Grossgrundbesitzer vertrieben oder umgebracht und zahlreiche der Gutshäuser den Flammen überlassen. Unter der russischen Okkupation wurde das, was von den ehemals glanzvollen Herrenhäuser noch vorhanden war, umgenutzt oder vernachlässigt. Heute sind wieder oder noch ungefähr 100 der Herrenhäuser in Estland gut erhalten und dienen als kulturelles Erbe verschiedenen Zwecken.

Wir verlassen den spannenden Lahemaa Nationalpark und stossen in Kunda gleich auf einen gewaltigen Gegensatz zur grünen Oase. Der Industriestandort ist nur ein erster Vorgeschmack des Ausmasses der Verschandelungen, die inzwischen teilweise zu beheben versucht werden. Über die Zementfabrik in Kunda kursieren ungehäuerliche Geschichten. Der kalkhaltige Staub verpackt(e) die Stadt zeitweise in dichten Nebel, so dass ein Eimer Wasser an die Hauswand gekippt ausreichte, um das Haus zu verputzen.

Unweit der Stadt finden wir eine schöne Landzuge und schlagen unser Zelt auf. Gerade rechtzeitig zum nächsten Regenschauer.

13.08.2004 - Tagesstrecke: 126 Km

Richtung Narva fahren wir stets entlang der Küstenlinie, da wir von der Schönheit der abwechslungsreichen Landschaft beindruckt sind. Lichte Föhrenwälder bis dichtes Unterholz oder aber steppenartige Weiden, die sich auf magerem, kalkhaltigem Gestein bilden. Die Alvare, eine für Europa sehr seltene Landschaftsform, erinnert stark an eine Steppe. Die verdorrten, weissen bis goldgelben Gräser werden von dichter Wachholder-Vegetation (Juniperus ssp.) durchzogen.
Aber auch die kleinen Strässchen und Feldwege, die wir befahren, bieten Abwechslung. Doch für ein Mal fahren wir in Mitten des Waldes in eine Sackgasse, an deren Ende eine Stolze Villa steht. Erst glauben wir, der Weg führe vor dem Haus vorbei, doch als wir das tiefe Bellen des Fleischwolfes hören, war eine 180-Grad-Drehung auf dem Feldweg schnell vollbracht. Als wir dann auch noch das riesen Monster von einem deutschen Schäfer über die Wiese direkt auf uns zurasen sehen, ist die gemütlich Fahrt durch den Wald schnell vergessen und wir beschleunigen was Mensch und Technik hergeben. Mit aufgestellten Nackenhaaren stellen wir fest, dass der lotterige Holzzaun um das Grundstück den Hund ausbremst und zur Erkenntnis zwingt, dass eine weitere Verfolgung des Jungfleisches aussichtslos ist!!
Diese abgerichteten Hunde sind im ganzen Baltikum weit verbreitet. Doch meist sind sie an einer massiven Kette verankert, so dass der Schock auf der anderen Seite des Privatgrundstückes zwar gross, aber nicht lebensbedrohlich ist.
Ein weiterer Miesepeter an diesem 13-ten ist der Regen. Allenthalben beginnt es für einige Minuten zu giessen. Auch wenn wir hin und wieder mal kurzfristig beschläunigen müssen, finden wir im Allgemeinen rechtzeitig einen Unterstand. Die vielen alten und neuen Busheuschen sind in solchen Situationen einfach Gold wert. Erst für die letzten Kilometer nach Narva begeben wir uns auf die Autostrasse - der Regen macht uns definitiv Beine! Doch auch auf der zivilisierten Strasse erlebt man so einiges.
Ein alter LKW biegt vor uns in die Strasse ein und gibt Gas, was vor dem Fortkommen erstmal eine gewaltige Giftgaswolke hinterlässt. Wir müssen direkt stoppen und die Luft anhalten, bis sich der Nebel gelichtet hat.

14.08.2004 - Tagesstrecke: Ruhetag

Narva, eine historische Stadt an Europas Aussengrenze zu Russland, die sich mal in dänischen, mal in deutschen, in schwedischen und immer wieder mal in russischen Händen befand. Stets war die Stadt im Zentrum der Konflikte um Gebietsansprüche zwischen Ost und West. Vor allem unter der schwedischen Krone gelangte Narva zur architektonischen Hochblüte, wobei die Bezeichnung des "Narva-Barocks" entstand.
Während dem Zweiten Weltkrieg bildete die Kulturstadt und der Grenzfluss eine lange und hart umkämpfte Grenze, die im Rückzugsgefecht von 1944 durchbrochen wurde. Dabei wurde die Stadt Narva zu 98% in Schutt und Asche gelegt. Eines der Relikte, welches das russische Bombardement 1944 zu einem Teil überstanden hatte, ist die am linken Flussufer stehende Hermannsfeste, die durch den deutschen Ritterorden im 14. Jahrhundert begründet wurde. Im 50m hohen markanten Turm, dem Langen Hermann, kann auf unzähligen Stockwerken die Geschichte der Stadt nachverfolgt werden. Leider sind die meisten Informationen nicht in Englisch vorhanden. Zur Belohnung für die Treppenwanderung, erhält man vom hölzernen Wehrgang auf dem Turm einen faszinierenden Weitblick. Von hier oben erhält man einen Eindruck von der massiven Trotzburg am rechten Flussufer, der russischen Festung Ivangorod, die durch den Zaren Ivan III um 1492 als Reaktion auf die baulichen Aktivitäten der deutschen Ritterorden erstellt wurde.

Die einzige Verbindung zwischen der strak aufgerüsteten EU-Aussengrenze und Russland ist die "Brücke der Freundschaft", über die so manch feindseliger Besuch in beide Richtungen stattfand. Der Grossteil dieser Stadtbevölkerung (97%) sind russischer Herkunft, die während der russischen Besatzung angesiedelt wurden. Sie wollen die estnische Landessprache par tout nicht anerkennen, bezeichnen sich zwar als Esten, aber nennen Vladimir Putin als Präsidenten. Verschiedene Anstrengungen des estnischen Staates zur Integration und erleichterten Einbürgerung der russischen Bevölkerung führte bisweilen nicht zum Erfolg
So sind Beschriftungen in der Stadt teilweise immer noch in kyrillischer Schrift vorzufinden, wovon wir am Bahnhof von Narva ein Liedchen singen können. Eigentlich wollen wir uns dort lediglich über die Rückreise nach Tallinn mit der Bahn informieren. Aber da ist einerseits nur eine Tafel in Kyrillisch mit den Abfahrtszeiten und andererseits eine eher schlecht gelaunte Beamtin am Schalter, die sich erst stumm gibt und dann einen russischen Wasserfall an Informationen auf uns niederprasseln lässt. Äämmm, können Sie das bitte nochmals wiederholen! Als wir hartnäckig vor dem milchigen Schalterfenster stehen bleiben, mit Händen und Füssen, auf Englisch und Deutsch unser Bestes geben, klappt es irgendwie, dass sie versteht das wir nach Tallinn wollen und sogar, dass wir Fahrräder dabei haben. Ein Zettelchen mit ein paar krackeligen Notizen wird uns überreicht. Grandios! Abfahrtszeit und Preis stehen da. Nur, dass wir die Tickets für die Fahrräder erst direkt im Zug lösen sollen, macht uns noch skeptisch.

Die Rückfahrt mit der Bahn ist unausweichlich, da wir zu lange an der Küste entlang dümpelten. Nun fehlt uns die Zeit, um in Ruhe den Rückweg anzutreten und zur rechten Zeit in Klaipeda auf der Fähre zu sein.

Eine Ortschaft weiter hindert uns eine Herde Kühe am Weiterkommen, nicht etwa 10 oder 20 Tiere, nein, ein Ende der Kolonne konnten wir gar nicht ausmachen. Schliesslich sind wir nicht mehr in der Schweiz.

Endlich erreichten wir um 19:30 Uhr im Eilzugstempo, erschöpft aber zufrieden Narva und suchen nach einer günstigen Unterkunft in der Nähe des Zentrums. Schliesslich lassen wir uns im Hotel Vanalinn nieder und schmeissen den Gaskocher im offenen Fenster des Zimmers an - wir haben Hunger! Mit den Fahrrädern sind sie hier im Hotel völlig unkomplizert und geben die Räder gleich mit aufs Zimmer, wo sie in der Dusche Unterschlupf finden.

15.08.2004 - Tagesstrecke: 77 Km

Von Tallinn fahren wir Richtung Süden entlang der Küste, immer auf der Hut vor dem nächsten Regenguss. Bei Paldiski wollen wir auf einer Landzunge übernachten. Entlang einer der wenigen Steilküsten im ganzen Baltikum führt ein Wanderweg durch unwegsames Gelände, der uns etwas Abwechslung zur breiten Asphaltstrasse bietet. Während der ganzen Fahrt fragen wir uns, wieso die Terrainoberfläche so eigenartig geformt ist. Eine trichterförmige Mulde nach der anderen und zwischen durch unnatürlich wirkende Erdhügel.
Am Kap der Landzunge finden wir einen zerfallenden Späherturm der russischen Armee. Wir sind fasziniert und beschlagnahmen die Immobilie gleich als Unterkunft für die Nacht. Wir binden die Stromkabel, die kreuz und quer durch "unser" neues Zimmer hängen etwas bei Seite und befördern all unser Material mit einer Leine auf den Turm.
Es ist zwar etwas windig auf dem Turm und wir müssen nachts aufstehen, um die offenen Fenster mit einer Tasche zu verschliessen, da uns der Regen ansonsten quer durch die Wohnung peitscht. Dafür entfällt aber der lästige Zeltaufbau für ein Mal.

Später erfahren wir, dass die russische Armee auf der Pakri-Halbinsel und den vorgelagerten Inseln eine mysteriöse Sperrzone pflegte. Auch als Estland die Unabhängigkeit erlangte, wurde dieser Flecken Land bis 1994 weiterhin von der Roten Armee besetzt. Dabei wusste niemad, was sich dort tatsächlich abspielte. Als die Landzuge wieder frei zugänglich wurde, war das Erstaunen über die freundlichen Geschenke der Besatzer gross. Es stellte sich heraus, dass Russland hier zwei atomare Versuchsreaktoren betrieb und die vorgelagerten Pakri-Inseln zu Testszwecken benutzten. Dabei sollen unter anderem auch schmutzige Sprengköpfe zum Einsatz gekommen sein. Estland erbte somit ungewollt die nuklearen Hinterlassenschaften der vergangenen 50 Jahre.
Das erklärte uns schliesslich auch die eigenartige Kraterlandschaft.

16.08.2004 - Tagesstrecke: 103 Km

Andern Tages ist der stürmische Wind und Regen verflogen und es bahnt sich ein wahrhafter Traumtag für Radfahrer an. Erst müssen wir unser Hab und Gut wieder abseilen und starten weiter entlang der Küste Richtung Hapsaalu. Die Strecke ist auch neben dem Wetter traumhaft. Asolute Ruhe herrscht in den Nadelwälder, die sich mit wenig besiedeltem Landwirtshaftsland abwechseln. Doch jedes Mal, wenn wir anhalten und uns in den stillen Wälder etwas in die Sonne legen wollen, ist im Nu eine handvoll hungriger Bremsen zur Stelle und macht die ganze Gemütlichkeit zur Schnecke. Viele der kleinen Überlandstrassen sind nicht asphaltiert, wodurch uns die vorüber rasenden motorisierten Kisten regelmässig einnebeln. Zähneknirschend - im wahrsten Sinne des Wortes - müssen wir jeweils abwarten, bis sich die Wolke an dem windstillen Tag wieder verzogen hat.

Kurz vor Haapsalu suchen wir einen günstigen Platz für die Übernachtung und finden etwas abseits eine schöne Stelle an einem See. Der Ort wäre zwar genau nach unserem Geschmack, doch haben wir schon lange nicht mehr so ausgibig geflucht. Die Luft steht über diesem See wie in einem stickigen Kessel still und die ansässigen Blutsauger wissen das natürlich zu schätzen. Noch selten haben wir so schnell gekocht und gegessen, das alles in stetigem Gehen und Fuchteln mit den Händen. Wir haben uns lauthals geschworen, für die Übernachtung nur noch die windige Küste aufzusuchen.

17.08.2004 - Tagesstrecke: 93 Km

Nach dem Bilderbuch-Tag von gestern, ziehen nachts Wolken auf und es setzt ein Gewitter ein. Der Regen am Morgen lässt uns getrost etwas länger in den Microfasern liegen bleiben. Während einer Regenpause packen wir alles im Eilzugstempo zusammen und fahren los. Schon nach wenigen Metern setzt der giesskannenartige Regen wieder ein. Wir flüchten wie immer unter eines der nächsten Bushäusche und montieren erst unsere Regenklamotten.
In Haapsalu angekommen, scheint es immer noch nicht genug Nass zu sein. So lassen wir es uns in einer Pizzeria gut gehen, bis es sich einigermassen fahren lässt. Die Wolkendecke reisst jedoch den ganzen Tag über nicht auf, was die Temperaturen direkt frisch erscheinen lässt.
Kurz nach Paatsalu nehmen wir einen Feldweg Richtung Meer. Nach einigen hundert Metern durch einen mehrere Meter hohen Wachholderwald (Juniperus sp.) finden wir einen sehr schönen Platz mit reichlich Wind. Neben dem, dass die Mücken fehlen, trockenen die nassen Kleidungsstücke im Wind gut.

18.08.2004 - Tagesstrecke: 83 Km

Das schlechte Wetter von gestern war vergessen, die Sonne brennt wieder angenehm auf den Pelz. Die Fahrt Richtung Pärnu führt weiter durch verlassene Wälder und ländliche Weiler. Wir kommen einfach nicht recht vom Fleck, da wir laufend anhalten und irgendwelche Pflanzen, Insekten und Spinnen beobachten oder einfach einen Einkauf tätigen. Als wir gerade gemütlich ein paar Riegel am Strassenrand verdrückten, kam ein Solo-Radfahrer an und quatschte gleich auf Deutsch los. Sofort meinte er, wir müssten aus der Schweiz sein, das sehe man an der Ausrüstung. Schweizer seien immer "well equiped". Denis der BWL-Student aus Berlin ist ein echter Homo economicus, der seinen Energieverbrauch im Windschatten gerne optimiert.

Friedhof Strasse. Als Fahrradfahrer erfährt man die Rücksichtslosigkeit der Automobilisten in aller Deutlichkeit und sei es nur durch die Ekel erregende Wolke, die jeder hinter sich her zieht.
Im Herbst geniessen die Reptilien an sonnigen Tagen die Wärme auf den asphaltierten Strassen, die sich schnell aufheizen und die Wärme auch relativ gut speichern, um die eigene Körpertemperatur zu erhöhen. Viele Überlandstrassen führen durch ehemalige Sumpf- und Moorgebiete, die ein optimales Habitat für die Ringelnatter (Natrix natrix) bieten. Leider endet dieses Vergnügen für etliche tödlich.

In Pärnu erweist sich unser Ökonom in seinem Element und handelt den Preis für die Übernachtung im Hotel Villa Sadama um 30% herunter. Trotzdem erhalten wir ein grosszügiges 6-Betten Zimmer, in dem wir uns und die anstehende Wäsche gut ausbreiten können.

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